Wing(wo)man

Die Idee zu diesem Artikel kam mir bei unserer letzten Tour durch Fichtelgebirge und Fränkische Schweiz. Wenn ich mit Schatzi unterwegs bin, fährt er vorn.

Ich bin dann sozusagen "Wing(wo)man". Wikipedia sagt unter anderem zum "Flügelmann" Folgendes:

Ein Wingman ist ein Pilot, der einen anderen Piloten in einem feindlichen Umfeld unterstützt.

Mit Wingman bezeichnete man ursprünglich ein Luftfahrzeug, das seitlich und leicht nach hinten versetzt neben dem führenden Flugzeug in einer Formation fliegt.

Wir fliegen zwar nicht, aber Zweites gibt wieder, wie wir unterwegs sind.

Um allerdings als Wingwoman ein zügiges Fortkommen zu unterstützen, braucht's ein paar Dinge, die man sich im Laufe der Zeit aneignen sollte.

Aller Anfang ist schwer

Zu Beginn war ich ja noch mit meiner kleinen 535er Virago unterwegs. Schatzi mit seiner 1400er Trude war ein mitfühlender Anführer und hat sich meiner Geschwindigkeit angepasst. Doch auch im Laufe der Saison ging nichts vorwärts - nicht weil ich mich zu dämlich angestellt hätte. Nein, 500 Kubik und 48 PS sind nun wahrlich keine Drehmoment- und Geschwindigkeitswunder. Bei so manchem Überholvorgang habe ich prickenlde Adrenalinhochs verspürt, weil die Virago unter mir Atembeschwerden bekam und die Drehmomentkurve wieder steil nach unten ging.

Außerdem war der Abstand zwischen Schatzi und mir immer riesig. Riesig in Zahlen ausgedrückt: 80 - 100 Meter (bis zwei Leitpfosten) Das ist kein optimaler Abstand, um zu zweit ordentlich vorwärts zu kommen. Es drängeln sich Autos und andere Motorradfahrer rein und frau kommt sich auf Dauer ziemlich allein vor.

Nachdem ich in der zweiten Saison ebenfalls auf eine 1400er Trude gewechselt war, ging es schon viel besser vorwärts. Der Abstand verringerte sich merklich. Wenn man dann auch nicht mehr damit beschäftigt ist, über die technische Bedienung des Fahrzeugs nachzudenken, dann wird gemeinsam Fahren langsam zum Spaß.

Beobachten, was vorne passiert

Als Wingwoman muss man zur besten Beobachterin des Vorausfahrenden werden. Jede Regung des Vordermanns muss registriert und bewertet werden. Schließlich fahren wir ohne Kommunikationsmittel, da haben die Flieger uns etwas voraus. An Schatzis Fahrweise und Bewegungen kann ich erkennen, was er demnächst tun wird und mich so darauf vorbereiten.

Seit ich auf meiner Scout unterwegs bin, ist der Abstand noch einmal geschrumpft: Wenn wir mal 50 Meter (einen Leitpfosten) auseinander sind, dann ist das schon viel. Im Normalfall fahre ich so 15 - 20 Meter versetzt hinter ihm. Damit habe ich genügend Überblick über die Verkehrslage, die Strecke und bin schnell zur Stelle, wenn es ans Überholen geht.

Gedankenübertragung beim Überholen

Und da kommt die Beobachtungsgabe ins Spiel: Überholen kündigt sich bei Schatzi an, indem er runterschaltet (von 5 auf 4) und sich an dem zu überholenden Gefährt von hinten links anpirscht. Also Richtung Mitteltrennlinie. Das Runterschalten und der Schlenker auf die linke Seite sind für mich die Zeichen, ebenfalls aufzuschließen. An der Bewegung seiner linken Hand sehe ich, dass er jetzt den Blinker betätigt und raus zieht. Merke: Ich überhole nicht einfach blind hinter Schatzi her. Sobald er loszieht, bin ich auch schon hinter dem langsameren Fahrzeug und kann hier die Lage noch mal kurz checken. Ist für mich auch frei, wird der Blinker gesetzt und der Gashahn maximal aufgedreht, um maximalen Vorschub zu generieren. Schatzi bleibt beim Einscheren fahrbahnmittig, ich schlüpfe dann hinter ihm zum Fahrbahnrand rein. Wenn's nur eine Lücke ist, weil Autokolonne, dann sollte man das Abbremsen nicht vergessen ;-) - ansonsten kann man dann gemütlich weiterfahren.

Das ist bei uns schon so in Fleisch und Blut übergegangen, dass Überholen wie durch Gedankenübertragung funktioniert. Müssen wir versetzt überholen (Ich-Auto-Schatzi-Auto-Auto ...), orientiere ich mich auch an ihm: Wenn er überholen kann, habe ich meist auch genug Platz, um in "seine alte" Lücke zu gleiten.

Das Wichtigste, was ich beim Überholen überhaupt mit meinen Kisten gelernt habe: Je nach Drehzahl einen Gang runter schalten und rechts den Griff bis zum Anschlag drehen. Wir wollen ganz zügig an den fahrenden Bremsklötzen vorbei. Ja, dann muss man beim Einscheren auch gleich mal ordentlich in die Eisen hauen. Ein bißchen Überholen funktioniert eben nicht.

Richtungswechsel

Das Abbiegen zu zweit ist genauso eine Selbstverständlichkeit bei uns geworden. An Ampeln stehen wir sowieso immer nebeneinander. Bei Grün fährt Schatzi zuerst los, klaro. Müssen Kreuzungen ohne Ampeln bewältigt werden, kommt es immer auf die Einsehbarkeit an.

Linksabbiegen ist da die Königsdisziplin: Kreuzen sich zwei Straßen sehr unübersichtlich, müssen wir natürlich anhalten. Meist stehe ich mit meinem Vorderrad neben Trudes Hinterrad. Auch hier gilt: Nicht blind losfahren! Immer selbst mitschauen! Sobald die Straße frei ist, biegen wir gemeinsam links ab - etwas hintereinander versetzt, so dass wir uns nicht ins Gehege kommen. Bei übersichtlichen Kreuzungen halten wir nicht immer an (sofern nicht ein STOP-Schild dazu auffordert), sondern rollen langsam an die Einmündung. Ist frei, geben wir Gas und biegen gleich ab. 

Rechtsabbiegen ist eher Kindergarten - doch da sollte man auch immer die Augen auf seinen Vordermann haben. Vielleicht hat der ja grad geschlafen ;-) und wir wollen doch keine dummen Auffahrunfälle provozieren.

Abbiegen für Fortgeschrittene ;-)

Letztens hat er mich ein paar Mal ziemlich ver ... (unabsichtlich natürlich ;-) ). Fährt an eine Kreuzung, blinkt links, macht den Blinker wieder raus und fährt geradeaus. Ha - super! Da musste ich kurz in die Eisen und anhalten, denn ich hatte mich ja schon auf's Linksabbiegen vorbereitet: Gewicht verlagert, Kopf nach links ... und keine 500 Meter weiter, an einer ziemlich steilen Straße, das gleiche Spiel, jetzt nur linksrum: rechts blinken, warten bis ich fast auf seiner Höhe bin und dann links abbiegen.

Körpersprache

Ich kann an Schatzis Körpersprache, Handbewegungen, Gewichtsverlagerungen, Fußposition und Schaltvorgängen erkennen, was mich zu erwarten hat. Hängt er seine Füße lässig über die Fußrasten, wird's gemütlich. Sight seeing für alle ist angesagt. Stellt er die Füße wieder auf die Rasten, dann sollte ich mich konzentrieren.

Ebenbürtig

Ein ebenbürtiges Gefährt sollten beide besitzen. Es funktioniert einfach nur bedingt, wenn einer viel Drehmoment und/oder PS hat und der andere, im übertragenen Sinn, mit einem Klapprad fährt. Dann muss das Klapprad vorne fahren. Was dann beiden Spaß macht, muss jeder für sich herausfinden.

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