Sisters are doing it for themselves

Dieser Hit aus 1985 von Aretha Franklin und Annie Lennox beschreibt für mich am besten, was ich am 24. und 25. April 2019 erleben durfte.

Für eine gemeinsame Sache zu kämpfen - das können Frauen sehr wohl Schulter an Schulter. Oder wie beim Women Riders World Relay: Hinterrad an Vorderrad.

Wir sind da!


Die Britin Hayley Bell hatte im vergangenen Jahr die Idee, eine Staffelfahrt rund um den Globus zu organisieren - weil sie darauf aufmerksam machen will, dass Frauen im Motorradbusiness ebenso eine Größe sind. Wir brauchen passende Motorrad-Bekleidung und keine verkleinerten Männerklamotten mit einer pinken Paspel.

Als diese Idee im August 2018 geboren war, war sie auch recht schnell mit der Organisation. Am 28. Februar begann die Reise des WRWR Staffelstabs am nördlichsten Zipfel Schottlands. Mittlerweile ist der Stab, begleitetmittlerweile von hunderten Frauen, bereits quer durch Europa in Estland angekommen - und die Reise geht noch bis Januar 2020 weiter.

Der Staffelstab in Deutschland

In der Zeit vom 23.-27.04.2019 war der Staffelstab im Südwesten Deutschlands und am 02.05.2019 im Norden auf dem Weg nach Dänemark. Immer mit dabei: Colette Tindall Edeling. Eine Australierin, die sich damit ihren Lebenstraum erfüllt. Sie ist seit dem Start dabei: Ihr Hab und Gut passt in ein Paar Seitenkoffern und Plastiktüten auf einer Yamaha MT07. 

Als ich davon erfahren habe, war für mich klar, dass ich da mitfahren musste. Anfangs hätte es um ein Haar nicht geklappt, beruflich stand was im Kalender, was sich zum Glück aufgelöst hat. Die Staffelstrecke am Donnerstag von Bretten nach Darmstadt wollte ich unbedingt mitfahren.

Dazu musste ich kurzfristig zwei Tage Urlaub nehmen - der Staffeltag und der Tag danach, bei knapp 300 Kilometern Gruppenausfahrt wollte ich nicht noch mal 200 km heimreisen.

Treffen in Bretten

Für den Vorabend in Bretten musste ich mir eine Unterkunft besorgen. Im City Hotel war nicht nur ich untergekommen, sondern neben einigen anderen Mitfahrerinnen, auch Silvia, eine Motorradfahrerin aus dem Nachbarort. Wir kennen uns schon länger, sie hat den Frauen-Motorrad-Stammtisch "Schwäbischer Wald" ins Leben gerufen, der auf Facebook zu finden ist.

In der Facebook-Gruppe des WRWR hatte ich die Organisation des Abend-Restaurants übernommen. Eine Location fand sich schnell, dank guter Zusammenarbeit. Das Restaurant war gleich neben dem Hotel, so dass niemand mehr hat fahren müssen.

Ich war am späten Nachmittag bereits in Bretten und sah Silvia mit einem Eis auf einer Bank sitzen. So war klar, dass wir bei dem gute Wetter zum Sight Seeing unterwegs waren. Später "sicherten" wir schon einmal den reservierten Tisch für 18 Frauen im Biergarten. Es hätte so schön sein können, doch ein plötzlicher Wetterumschwung mit heftigen Windböen machte uns einen Strich durch die Rechnung. 

Der Himmel verdunkelte sich, Mülleimer rollten über die Straße, die Sonnenschirme im Biergarten schwankten bedrohlich und eine Motorradfahrerin wurde bei der Ankunft von einer heftigen Böe vom Gefährt geweht. Zum Glück ist nichts Gravierendes passiert - nur ein abgebrochener Kupplungshebel, der dank Ersatz schnell getauscht war.

Im Brauhaus Bretten war für uns innen sicherheitshalber noch ein großer Tisch reserviert. So langsam trudelten alle Mitfahrerinnen ein, es war immer eine große Freude, endlich aus den virtuellen Bekanntschaften reale zu machen.

Es gab einige Eigeninitiative im Vorfeld: Eine Mitfahrerin hatte in mühevoller Arbeit Armbinden für uns alle mit dem WRWR-Schriftzug selbst gemacht. Oder eine andere versorgte uns mit Namensschilder. Insgesamt saßen über 20 Frauen mit Colette (Australien) und Már Gomez (Spanien) an diesem Abend an einem Tisch und amüsierten sich prächtig, in Vorfreude auf den kommenden Tag.

Nach einem guten Abendessen, viel Spaß und Gelächter, löste sich die Truppe gegen 22.30 Uhr langsam auf. Schließlich waren wir alle gespannt auf den kommenden Tag. Mandy, Botschafterin und Tourguide für Deutschland, hatte sich für diesen Abend eine Auszeit genommen. Schließlich war sie schon seit Weil am Rhein als Guide auf der Tour. Die ganze Vorarbeit nicht zu vergessen.

Auf geht die Tour

Frühstück im Hotel hatte ich erst gar nicht gebucht. 15,90 € für eine Tasse Kaffe, Müesli und Obstsalat - das, was ich morgens so verspeise - war mir einfach zu viel. Meinem Beispiel folgten noch mehr, so dass ich gemeinsam mit Heike und Silvia im Tankstellenbistro (am Treffpunkt) frühstücken wollte.

Wir verabredeten uns vor dem Hotel, um miteinander zum Treffpunkt zu fahren. Geparkt hatten alle in der angeschlossenen Tiefgarage. Reinkommen war also kein Problem. Aber das Raus, das war nicht so einfach. Heike und ich standen nebeneinander auf der Kontaktzone der Schranke, Ticket in den Schlitz und...und...und nix. Nachdem wir das Ticket auf alle erdenkliche Arten in den dafür vorgesehenen Schlitz gesteckt hatten und meist als Antwort "Kein Fahrzeug erkannt" vom Display erhielten, wollte Heike noch mal zur Rezeption, sich beschweren.

Da fiel uns an der Einfahrt der große Abstand neben der Schranke ins Auge. Wir schauten uns an, drehten unsere Motorräder und hatten dann "Mut zur Lücke". Nebendran vorbei - Zack, waren wir draußen. Silvia kam etwas später, da sie mit dem selben Schrankendilemma zu kämpfen hatte. Dann konnten wir zum Treffpunkt (besagte Tankstelle mit "Bistro") aufbrechen.

Dort angekommen, noch schnell vollgetankt und dann einen Kaffee und ein belegtes Brötchen besorgt. Nach und nach trudelten weitere Mitfahrerinnen ein und der vorhandene Parkplatz füllte sich mit Motorrädern und Frauen.

Über 20 Motorräder jeglicher Bauart waren pünktlich versammelt, als Mandy uns kurz zum Briefing einberufen hat. Eingeteilt in zwei Gruppen ging's los. Laut Vorplanung hätten es gut 330 Kilometer werden sollen.

Mittagspause in Lohr am Main

Bei bestem Wetter - es war zwar morgens noch etwas frisch - haben wir eine angenehme Strecke bis Lohr am Main absolviert. In so einer Gruppe unterschiedlichster Motorräder und Fahrerfahrung, waren wir ganz gut unterwegs. Die "Kleinste" war eine 250er Else - die Lenkerin hat es aber dafür richtig krachen lassen und alles aus der Kleinen herausgeholt, was ging. Mein Respekt!

In Lohr wurde die halbe Innenstadt mit Motorrädern von uns "besetzt" ;-) um etwas zu essen. Die erste Gruppe hatte bereits ein Eiscafé arrangiert. Da ich allerdings zum Mittag nicht für Eis zu begeistern bin, bin ich mit einer Mitfahrerin, der es ähnlich ging, bei einem Bäckerimbiss eingekehrt. Zum Motorradfahren brauche ich etwas Deftiges.

Nach der Mittagspause und einem Tankstop ging es weiter Richtung Spessart - leider waren einige Strecken durch Umleitungen und Baustellen gesperrt. Den ursprünglich geplanten Weg konnten wir somit nicht fahren. Ich hatte mich auf das Sinntal gefreut, das wir dann nicht unter die Räder genommen haben.

Es ging ja auch nicht darum, eine möglichst schöne Tour zu fahren, als darum, gemeinsam für eine Sache unterwegs zu sein.

Endstation Darmstadt

Schlussendliche sind wir gegen 17 Uhr in Darmstadt beim Louis Megastore eingetroffen. Dort wurden wir von einem Suzuki Promo-Stand erwartet und verköstigt: Wasser, Obst, Müesli-Riegel und Suzuki-T-Shirts lagen für uns bereit.

Abschlussbilder in der Gruppe mit Staffelstab oder alleine mit Staffelstab waren jetzt angesagt. Jede wollte natürlich ein Foto mit dem Ding ;-)

Schade fand ich allerdings, dass wir in Lohr so nebenbei vorm Abfahren auf einem Motorradsitz die Liste unterzeichnet haben.

Abends ging es mit dem Motorrad noch zum Italiener. Da mangelte es leider etwas an Absprache, da wir alle in unterschiedlichen Hotels wohnten, die Pizzeria nicht fußläufig zu erreichen war. Ich wäre gerne mit im Taxi gefahren - zwecks Happy-Landing-Bier. Da durfte es nur ein alkoholfreies sein ;-) und ich musste nachtblind im Tross irgendwie wieder mit zurück.

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Darmstadt im Regen

Eigentlich wollte ich mit Silvia am Freitag gemeinsam von Darmstadt nach Hause fahren. Doch das Wetter hat diesem Plan einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Wettervorhersage erklärte, dass am Morgen, Vormittag und Mittag kein Regen kommen sollte. Das änderte sich im Laufe der Zeit. So beschloss ich, gleich in der Früh - und damit meine ich wirklich früh zwischen 7 und 7.30 Uhr - loszufahren. Silvia hatte sich 30 km außerhalb bei ihrem Bruder einquartiert, so dass ihr die Uhrzeit zu früh war.

Als ich aufstand, war noch alles trocken und nichts deutete auf Regen hin. Keine halbe Stunde später beim Frühstück, waren die Straßen nass und es tröpfelte fröhlich bei 8° C vor sich hin.

Nutzt ja alles nix - die Taschen gepackt, rein in den Regenkombi, die dicken Handschuhe ausgepackt und runter in die Mulitplex-Tiefgarage. Alles fein säuberlich mit der Regenhaut versehen, das Parkticket zwischen den Zähnen und es konnte losgehen.

Manchmal wünsche ich mir einen dritten Arm: Die Tiefgaragenausfahrt war recht steil, versehen mit einem Schrankenautomat der neuesten Generation. Es gab keinen Schlitz zum Einstecken! Äh? und nun? Ah! Ein Barcodescanner. Die Schranke war bestimmt schon längere Zeit offen, bevor ich den Blick nach oben geworfen habe. Prima! Und wie das so ist, wenn man sich das Parkticket wieder zwischen die Zähne gesteckt hat und man am Berg losfahren will, Kiste abgewürgt. Alles kein Problem, wenn da nicht die dicken Handschuhe und der kurze Daumen wären. Denn damit kam ich nicht so unbedingt wieder an den Anlasser, während ich den Bremshebel gezogen hielt. Die Tücken kleiner Hände ... schlussendlich bin ich dann doch dran gekommen - wie man sieht - Kiste gestartet, rauf und raus aus dem Dunkel. Oben angekommen musste ich noch mal alles sortieren und dann ging's (endlich) im Regen los.

Glücklicherweise regnete es rund 20 km südlich von Darmstadt nicht mehr, so dass ich durch den Odenwald trockenen Reifens kam. Nur 20 km vor dem Heimathafen hat es wieder angefangen mit dem unangenehmen Nass von oben.

Eine gute Erfahrung

Mir hat das alles sehr viel Spaß gemacht. Ich durfte wieder viele nette Motorradfahrerinnen kennenlernen.

Ein Wehrmutstropfen aus meiner Sicht bleibt allerdings: Dass sich nur wenige Medien dafür interessiert haben (was ich so mitbekommen habe - korrigiert mich, wenn's ansers war) und im Vergleich zu Belgien oder Dänemark, "relativ" wenige Motorradfahrerinnen pro Etappe dabei waren.

Trotzdem: Die Aktion ist absolut bemerkenswert, die Arbeit, die drin steckt, darf man nicht unterschätzen! Ich hoffe, dass es wieder ein Stück mehr Aufmerksamkeit gibt, so dass irgendwann Motorrad-Bekleidung für alle Motorradfahrerinnen auf dem Markt vorhanden ist.

Es war toll, ein Teil davon zu sein. Vielen Dank für die Organisation!

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