Kurventechnik für ChopperfahrerInnen

Zum Thema Kurventechnik für ChopperfahrerInnen werde ich öfters mal angeschrieben, ob ich da nicht mal einen Artikel drüber schreiben könnte. Mache ich doch gerne!

Ein wenig Technik-Gedöns

Als erstes müssen wir uns ein wenig den äußeren Umständen unseres Motorrads widmen. Die Fahrzeuggeometrie ist eben ein grundlegendes Element, das mitbestimmt, wie ich um die Kurven zirkeln muss. Dazu habe ich bereits schon einmal ausführlich geschrieben: Geometrieunterricht einmal anders.

Chopper Intruder VS 1400Habe ich ein Motorrad mit langem Radstand und flachem Lenkkopfwinkel, dann werden enge Kurven manchmal harte Arbeit. Ich benötigen mehr Kraft für einen größeren Lenkeinschlag. Dazu kommt unsere echt undynamische Sitzposition mit dem weit nach hinten und tief liegenden Schwerpunkt - wir sitzen hinter dem Motor, meist mit den Füßen nach vorn. Der tiefe Schwerpunkt tut sein Übriges, dass es mehr Kraft bedeutet, die Karre um die Kurve zu zirkeln.

Chopper Sitzposition

Kurz ein Beispiel, warum ein tief liegender Schwerpunkt schwerer zu bewegen ist: Man stapele zwei Türme Bierkisten - einen mit 5 Kisten, den anderen doppelt so hoch. Jetzt wackelt mal an der untersten Kiste. Genau - der Turm mit den zehn Bierkisten ist schneller zum Schwanken zu bringen als nur der halb so hohe. Das müsst ihr also auch immer noch mit bedenken: Tiefer Schwerpunkt lässt sich schwerer zur Schräglage bewegen.

Ein weiterer Punkt sind die Räder. Klassische Chopper haben vorne ein großes, schmales Rad, hinten meist ein kleineres, dickes. Aufgrund der Kreiselkäfte möchte das große Voderrad lieber geradeaus und der dicke Hinterreifen benötigt aufgrund der Aufstandsfläche mehr Schräglage, als es mit einem schmaleren bei gleicher Geschwindigkeit nötig wäre. Bei den modernen Chopper/Cruisern wie meiner Scout oder z.B. einer HD 48 haben wir zwar vorne wie hinten gleich große Räder, was dem Kurvenfahren wieder entgegen kommt, der vordere aber meist recht breit ist.

Und zum guten Schluss: Die Bodenfreiheit.  Wer tief sitzt, hat meist auch weniger Bodenfreiheit. Das büßen dann oftmals ausladende Bauteile wie Fußrasten oder sehr tief angebrachte Endschalldämpfer bei flotten Kurvendurchfahrten.

Chopper-Hummel

Merke: Chopperfahrer sind die Hummeln unter den Motorradlenkern: Rein physikalisch geht Kurvenfahren eigentlich gar nicht ;-). Weil sie das aber nicht wissen, fahren sie trotzdem (Hier ist jetzt die Stelle, wo sich Nicht-Chopperfahrer über uns lustig machen dürfen ;-) )

Alles eine Frage der Technik

Als Chopperfahrer (nicht nur) sollte man möglichst schnell das Hinterschneiden von Kurven lernen und verinnerlichen. Wir brauchen nun mal mit unseren Maschinen etwas mehr Platz in den Kurven. Man muss schon beherzt die Fuhre noch runterdrücken und das Gas zumachen, wenn einem die Straße ausgeht - und auch das ist kein Garant, um wieder auf Linie zu kommen. Aber jetzt zum Anfang: 

Kurvenlinien

Da haben wir drei Varianten - zum Vergrößern auf das Bild klicken

Ideallinie

No 1 - die Ideallinie: Das ist die Linie, die wir auf einer Rennstrecke fahren würden, um so schnell wie möglich die Kurve zu nehmen. Das bedingt, dass wir keinen Gegenverkehr haben, weil wir Kurveneingang wie -ausgang auf der "Gegenfahrbahn" befahren würden.
No 2 - Anschneiden: Hier wird der gedachte Scheitelpunkt der Kurve früh erreicht, so dass wir kurvenausgangs relativ weit zur Straßenmitte hin tendieren, mehr Schräglage haben und u. U. sogar im Gegenverkehr landen. Korrekturen sind hier nur noch schwer möglich. Grundsätzlich fahren wir beim Anschneiden immer mit einem sehr geringen (keinen) Abstand zur Gegenfahrbahn.

Anschneiden

Hinterschneiden

No 3 - Hinterschneiden: Die sichere Linie. Der gedachte Scheitelpunkt der Kurve liegt relativ weit zum Kurvenausgang, so dass wir sicher auf unserer Fahrbahn sind und schon fast wieder aufrecht ans Gas können. Das ist die Technik, die man (nicht nur) als Chopperfahrer aus dem FF behrrschen sollte. Dann kommt man kaum in Bedrängnis, dass der Gegenverkehr gefährlich nah kommt.

Fahrtechnik

Ich gehe hier nur auf das Hinterschneiden ein, denn auf die Rennstrecke (Ideallinie) werden die Wenigsten mit ihren Funkenschlägern gehen ;-) und das Anschneiden verbietet sich aus Sicherheitsgründen für alle Beteiligten sowieso (auch wenn uns die einen oder anderen Vollhonks immer wieder beweisen wollen, dass Kurvenschneiden total toll sei). 

Kurvenfahren ist kein Hexenwerk oder Rocket-Science, sondern eine Frage der Übung. Wichtig ist natürlich auch, immer an seiner Blickführung zu arbeiten. Wie heißt es immer so schön? Gugst Du scheiße, fährst Du scheiße. Am Anfang kann es sehr hilfreich sein, hinter einem erfahrenen Chopperfahrer die Linie nachzufahren. Ich empfehle wirklich Chopperfahrern zu folgen, denn die kleinen wendigen Straßenmaschinen fahren beim Hinterschneiden nicht ganz so "ausladend" und sind einfach schneller in der Kurve.

Gugstu - Fährstu

Beim Hinterschneiden bremst man die Kurve fahrbahnmittig an, geht in Schräglage und rollt bis zum gedachten späten Scheitelpunkt (immer Richtung Kurvenausgang schauen! Den Kopf bewusst dort hin drehen!) und schon ist man auch durch - dann kann man wieder (ordentlich) ans Gas. Eigentlich ganz einfach. Zum Stabilisieren sollte man bei Bergauf-Kurven ein wenig das Gas anliegen haben - sonst fällt man um, Bergab ein wenig die Hinterradbremse schleifen lassen - das "streckt".


 

Auf der Zeichnung habe ich noch mal die Fahrlinie verdeutlicht. Die Vorteile liegen auf der Hand:

  • Durch das weite Anfahren erhält man einen besseren Einblick in die Kurve.
  • Mögliche Gefahren können so besser erkannt und auf entgegenkommende Fahrzeuge, die evtl. die Kurve schneiden, besser reagiert werden.
  • Bei unbekannten Strecken ein zusätzlicher Sicherheitsfaktor. Neben den oben erwähnten lauernden Gefahren, erkennen wir besser, ob eine Kurve nicht doch noch "zu" macht.

Dosenfahrer (und motorradfahrende Vollhonks) neigen ab und an dazu, ihre Linkskurven zu schneiden (sie befinden sich an ihrem Kurveneingang), das könnte bei schlechter Linienwahl unsererseits (wir fahren ihnen entgegen) zu unangenehmen Begegnungen führen. Beim Hinterschneiden befinden wir uns breits so weit rechts, dass wir aus der Schusslinie sind. 

Zeichnungsbasis Designed by Freepik

Ich fahre - so weit es mein Mopped zulässt ;-) - gerne recht zügig durch Kurven und beschleunige am Kurvenausgang mit Vergnügen heraus. Mit der genannten Technik geht das hervorragend.

Um den Eisenhaufen aber vorher schon davon zu überzeugen, dass Kurvenfahren Spaß macht (sie will ja eigentlich lieber geradeaus), kann man noch einiges selbst tun. Dabei darf man sich ruhig ein paar Techniken aus dem Rennsport bedienen ;-)

  • Druck auf die kurveninnere Fußraste.
  • Das kurveninnere Knie nach außenfallen lassen.
  • Den Lenker bewußt zum Kurveninneren drücken. Das funktioniert am besten mit Dragbars. An meiner alten Trude habe ich das riesen Paddel zum Kurvenfahren geliebt - durch den großen Hebel war das Hindurchzirkeln super easy.
  • Blickführung! Kopf bewusst zum Kurvenausgang drehen - weit vorausschauen. Nicht in den Gegenverkehr blicken! Wenn ihr jemandem hinterher fahrt, versucht nicht ständig eurem Vordermann auf den Hintern zu gucken. Bei mir hat's auch einige Zeit gedauert, bis Schatzi vor mir in den Kurven durchsichtig wurde.

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